Das EU-Mercosur-Abkommen wird uns als geopolitische Notwendigkeit verkauft. Als Antwort auf China. Als Rettung für Europas Wirtschaft. Als alternativlos.

Wer genauer hinsieht, erkennt etwas anderes: ein Projekt, das nur funktioniert, wenn demokratische Kontrolle als Störfaktor behandelt wird.

Wenn das Parlament den Stecker zieht – und ignoriert wird

334 Abgeordnete des Europäischen Parlaments haben entschieden, den Europäischen Gerichtshof einzuschalten. Eine Mehrheit. Ein demokratischer Akt. Ein Warnsignal.

Die Reaktion? Keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern Nervosität. Plötzlich ist von „Verzögerung“, „Blockade“ und „Imageschaden“ die Rede. Als wäre es unanständig, zu fragen, ob ein Abkommen überhaupt mit den EU-Verträgen vereinbar ist.

Dabei ist genau das die Aufgabe des Parlaments.

Druck statt Debatte

Manfred Weber, Chef der EVP, drängte offen auf eine rasche Anwendung des Abkommens – selbst nachdem das Parlament Zweifel angemeldet hatte. Das ist keine Führungsstärke, das ist Machtdisziplinierung.

Niemand behauptet, Abgeordnete seien erpresst worden. Aber politischer Druck funktioniert auch subtil: Fraktionszwang, Karrieresignale, Loyalitätstests. Wer in diesem Moment auf Beschleunigung setzt, will keine Klärung – er will durchziehen.

Von der Leyen und die Methode der vollendeten Tatsachen

Noch problematischer ist das Verhalten der Kommission. Ursula von der Leyen spielte die provisorische Anwendung des Abkommens durch – also Umsetzung, bevor Parlament und EuGH entschieden haben.

Das ist formal vielleicht legal. Demokratisch ist es ein Offenbarungseid.

Denn was heißt das in der Praxis?

Wir machen das jetzt – und ihr könnt später schauen, wie ihr damit lebt.

So entsteht Politikverdrossenheit. So entsteht der Eindruck, dass Wahlen und Parlamente nur dann zählen, wenn sie nicht stören.

Der Preis der Zustimmung

Italien kippte – und plötzlich war die qualifizierte Mehrheit da. Zufall? Kaum. Schutzklauseln, Agrarversprechen, Kompensationen. Nenn es Kompromiss, nenn es Realpolitik. Oder nenn es beim Namen: Zustimmung gegen Gegenleistung.

Der Begriff „Judaslohn“ ist hart. Aber er kommt nicht aus dem Nichts. Wer erst Bedenken anmeldet und sie dann gegen Zugeständnisse eintauscht, darf sich über solche Vorwürfe nicht wundern.

Was hier wirklich verhandelt wird

Es geht nicht um Zölle und Quoten. Es geht um:

  • Umweltstandards, die auf dem Papier existieren,
  • Landwirtschaft, die geopfert wird,
  • Parlamente, die lästig sind,
  • und eine EU, die immer öfter regiert, ohne überzeugt zu haben.

Wenn ein Abkommen nur durchkommt, weil man Parlamente unter Druck setzt, Gerichte als Verzögerer darstellt und Fakten schafft, bevor entschieden wurde, dann ist das kein starkes Europa. Das ist ein exekutives Projekt gegen demokratische Vorsicht.

Der EuGH als letzte rote Linie

Dass nun der EuGH eingeschaltet wird, ist kein Angriff auf Europa – es ist ein Notruf. Einer, der sagt: Bevor wir Märkte öffnen, sollten wir klären, ob wir dabei unsere eigenen Regeln brechen.

Wer davor Angst hat, sollte sich fragen, warum.

Schluss

Mercosur ist kein Test für Europas Wettbewerbsfähigkeit.

Mercosur ist ein Test für Europas Demokratie.

Und bisher besteht ihn nicht das Parlament, sondern jene, die glauben, dass Tempo wichtiger ist als Recht und Macht wichtiger als Zustimmung.

 

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