Wenn das Jahr von Haus zu Haus geht

Über alte Umgänge, Rauch, Schritte und das Bleiben der Dinge

Bei uns im Alpenraum kommt das Jahr nicht plötzlich.

Es kommt nicht mit einem Knall und nicht mit einer Ansage.

Es geht.

Es geht über Wege, durch Höfe, über Stiegen. Es bleibt kurz stehen, sagt etwas – manchmal gesungen, manchmal nur durch eine Geste – und zieht weiter. Wer genau hinschaut, merkt: Das Jahr wird nicht gemacht, es wird begangen.

Wenn einer anklopft, ist das Jahr nicht fremd

Die Neujahrgeiger sind so ein Fall. Rund um den Jahreswechsel ziehen sie los, mit der Geige unterm Arm, mit alten Weisen im Kopf. Sie spielen nicht für den Applaus. Sie spielen, damit das neue Jahr einen Anfang hat, der gehört wird.

Ein paar Takte, ein Wunsch, ein kurzes Innehalten.

Was man dafür gibt – ein paar Münzen, ein Schnapserl, etwas Gebäck – ist keine Bezahlung. Es ist die Antwort: Ja, komm herein. Wir nehmen dich an.

Der Segen kommt oft von unten

Ein paar Tage davor, am „Unschuldigen Kinder-Tag“, sind es die Jüngeren, die unterwegs sind. Mit Ruten, mit Sprüchen, manchmal auch mit Musik.

Das Rutenstreichen ist kein Schlagen. Es ist ein Zeichen, das älter ist als viele Worte. Es sagt: Bleib gesund. Bleib lebendig. Bleib im Jahr.

Auch hier geht es ums Weitergeben. Man nimmt nicht einfach, man erwidert.

Und dann gibt es diese stilleren Tage, die einem oft erst später im Leben wieder einfallen.

Der Karsamstag – Rauch, Schritte und Geduld

Der Karsamstag war kein Tag für Eilige, auch wenn wir Weihrauchträger uns sputen mussten, um rechtzeitig das geweihte Feuer in die Häuser zu bringen.

Er begann früh, oft noch im Halbdunkel, wenn das Dorf stiller war als sonst. Für uns Buben hieß das, aufstehen, anziehen, hinausgehen und den Weihrauchkübel in die Hand nehmen.

Der Kübel war schwer, vor allem am Anfang. Metall, Glut, Weihrauch. Und dieser Geruch, der einem gleich in die Nase fährt. Warm, süßlich, aber auch scharf. Einer, der nicht fragt, ob er willkommen ist.

Wir gingen von Haus zu Haus. Still, konzentriert. Man klopfte an, trat ein oder blieb vor der Tür. Der Weihrauch wurde aufgelegt, der Rauch stieg auf, manchmal ruhig, manchmal plötzlich dichter, je nachdem, wie die Glut gerade war.

Und manchmal passierte es, dass der Rauch direkt in die Augen zog.

Dann brannte es. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Die Augen tränten, man musste blinzeln, wegschauen, kurz die Luft anhalten. Manchmal wollte man am liebsten den Kübel wegstellen und schnell hinausgehen.

Aber man blieb.

Man hielt es aus.

Niemand machte ein großes Aufheben darum. Es gehörte dazu, wie die kalten Finger oder die schweren Schritte nach dem zehnten Haus. Man lernte, still zu stehen, auch wenn es unangenehm wurde. Den Kübel ruhig zu halten. Nicht zu wedeln, nicht zu jammern.

Der Rauch war nicht freundlich, aber er war ehrlich. Er nahm keine Rücksicht. Und vielleicht war genau das seine Aufgabe, zu zeigen, dass Segen nicht immer angenehm ist, aber trotzdem gut tut.

Wir gingen den ganzen Vormittag. Mit brennenden Augen, mit müden Armen, mit diesem Geruch, der sich in die Kleidung fraß. Am Ende kam das Einsammeln. Und selbst da war es mehr ein Dank als ein Lohn.

Das ganze Jahr ist ein Unterwegssein

Wenn man so zurückschaut, merkt man: Diese Wege ziehen sich durchs ganze Jahr.

Im Advent die Klöpfler, die anklopfen und singen.

Zu Dreikönig die Sternsinger, die den Segen an die Tür schreiben.

In der Karwoche die Ratscherbuam, die die Glocken ersetzen.

Im Frühling das Singen, im Sommer das Feuer, im Herbst das Danken.

Immer wieder dasselbe Muster:

Gehen – Zeichen setzen – weitergehen.

Man bleibt nie lange. Und vielleicht ist genau das der Sinn.

Übergänge brauchen Hände und Füße

Diese Bräuche liegen nicht zufällig im Kalender. Sie stehen an Schwellen:
zwischen Tod und Leben, Dunkel und Licht, alt und neu,
Winter und Sommer, Arbeit und Ruhe.

Schwellenzeiten brauchen Zeichen

Früher wusste man, dass Übergänge empfindlich sind. Man hat sie nicht einfach übergangen. Man ist sie gegangen. Mit Füßen, mit Rauch, mit Musik, mit Worten.

Heute nennen wir vieles davon Tradition oder Brauchtum. Aber eigentlich ist es etwas sehr Praktisches: eine Art, das Leben nicht aus der Hand zu geben.

Solang noch einer geht

Brauchtum ist kein Museum. Es lebt nur, wenn jemand wirklich aufbricht.
Wenn ein Bub den Weihrauch trägt, auch wenn der Kübel schwer ist.
Wenn jemand mit der Geige loszieht, auch wenn’s kalt ist.
Wenn Kinder ratschen, auch wenn sie müde sind.
Solang noch jemand geht, ist das Jahr mehr als eine Zahl.
Dann ist es etwas, das wir einander weiterreichen.
Und vielleicht reicht das schon, damit es trägt.

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