Make-or-Buy – Strategische Entscheidung zwischen eigener Fertigung und Fremdvergabe
Die Make-or-Buy-Entscheidung gehört zu den zentralen strategischen Fragestellungen im Produktions- und Operations Management. Sie bestimmt, ob ein Produkt, eine Komponente oder eine Leistung intern gefertigt („Make“) oder extern bezogen („Buy“) wird.
Diese Entscheidung hat weitreichende Auswirkungen auf:
- Kostenstruktur
- Flexibilität und Reaktionsfähigkeit
- Qualität und Liefersicherheit
- Know-how-Schutz
- Abhängigkeiten in der Lieferkette
- langfristige Wettbewerbsfähigkeit
Make-or-Buy ist daher keine rein kaufmännische Entscheidung, sondern ein interdisziplinäres Thema, das Produktion, Qualität, Einkauf, Logistik, Technik, Risiko- und Strategiemanagement verbindet.
1. Eigene Fertigung („Make“) vs. Fremdvergabe („Buy“)
Eigene Fertigung (Make)
Typische Vorteile:
- Volle Kontrolle über Prozesse, Qualität und Termine
- Schutz von Kernkompetenzen und Know-how
- Höhere Flexibilität bei Änderungen
- Schnelleres Reagieren auf Störungen oder Sonderbedarfe
- Bessere Integration in bestehende Produktionssysteme
Typische Nachteile:
- Hohe Fixkosten (Personal, Maschinen, Infrastruktur)
- Investitionsbedarf
- Auslastungsrisiko
- Höherer Management- und Koordinationsaufwand
Eigene Fertigung ist besonders sinnvoll bei:
- strategisch wichtigen Komponenten
- hohen Qualitäts- oder Sicherheitsanforderungen
- starkem Produkt- oder Prozess-Know-how
- sensiblen Technologien
- stabilen oder gut planbaren Volumina
Fremdvergabe (Buy)
Typische Vorteile:
- Geringere Fixkosten
- Nutzung von Skaleneffekten beim Lieferanten
- Schnellere Kapazitätsanpassung
- Reduzierter Investitionsbedarf
- Fokus auf Kernkompetenzen
Typische Nachteile:
- Abhängigkeit vom Lieferanten
- Eingeschränkte Transparenz
- Risiko bei Lieferausfällen
- Längere Reaktionszeiten
- Know-how-Abfluss möglich
Fremdvergabe ist sinnvoll bei:
- Standardteilen oder -prozessen
- schwankenden Bedarfen
- fehlendem internem Know-how
- geringer strategischer Bedeutung
- hohen Investitionshürden
2. Abhängigkeiten von Lieferanten
Ein zentrales Risiko der Buy-Strategie ist die Lieferantenabhängigkeit.
Kritische Fragestellungen:
- Gibt es alternative Lieferanten?
- Wie hoch ist die Wechselbarriere?
- Wie stabil ist die finanzielle Situation des Lieferanten?
- Wo befindet sich der Lieferant (Geo-Risiken)?
- Wie transparent sind Prozesse und Kapazitäten?
Typische Risiken:
- Lieferausfälle
- Qualitätsprobleme
- Preiserhöhungen
- politische oder logistische Störungen
- Verlust von Verhandlungsmacht
Praxisansatz:
- Single Sourcing bewusst entscheiden
- Dual / Multiple Sourcing prüfen
- Lieferanten strategisch bewerten
- Kritische Teile identifizieren (ABC / XYZ / Risikoanalyse)
3. Know-how-Schutz als Entscheidungsfaktor
Ein oft unterschätzter Aspekt der Make-or-Buy-Entscheidung ist der Schutz von Know-how.
Risiken bei Fremdvergabe:
- Abfluss von Prozess- und Produktwissen
- Nachbau oder Wettbewerb durch Lieferanten
- Abhängigkeit von externem Spezialwissen
- Verlust interner Kompetenz über die Zeit
Leitfragen:
- Ist das Bauteil oder der Prozess wettbewerbsdifferenzierend?
- Enthält er unternehmensspezifisches Know-how?
- Ist das Wissen schwer oder leicht imitierbar?
Grundsatz:
Alles, was Kernkompetenz ist oder zur Differenzierung beiträgt, sollte kritisch auf „Make“ geprüft werden.
4. Kostenbetrachtung – mehr als nur Stückkosten
Eine reine Betrachtung der Stückkosten greift bei Make-or-Buy zu kurz.
Ganzheitliche Kostenbetrachtung („Total Cost of Ownership“):
Make-Kosten:
- Investitionen (CAPEX)
- Fixkosten (Personal, Abschreibung, Energie)
- Variable Kosten
- Rüst-, Stillstands- und Ausschusskosten
- Instandhaltung
- Overhead
Buy-Kosten:
- Einkaufspreis
- Transport- und Logistikkosten
- Qualitätskosten (Prüfung, Reklamationen)
- Bestandskosten
- Koordinations- und Administrationsaufwand
- Risiko- und Ausfallkosten
Erst die Gesamtkosten über den Lebenszyklus liefern eine belastbare Entscheidungsgrundlage.
5. Risikobetrachtung und Resilienz
Make-or-Buy ist immer auch eine Risikomanagement-Entscheidung.
Typische Risiken:
- Kapazitätsengpässe
- Technologischer Wandel
- Lieferkettenunterbrechungen
- Fachkräftemangel
- regulatorische Änderungen
Resiliente Entscheidungen berücksichtigen:
- Krisenszenarien
- Redundanzen
- Wiederanlaufzeiten
- Flexibilität der Wertschöpfung
- Notfallstrategien
In vielen Fällen entstehen Hybridlösungen:
- Grundlast intern, Spitzen extern
- Kritische Komponenten intern, Standardteile extern
- Anlaufphase intern, Serienfertigung extern
6. Make-or-Buy als dynamischer Prozess
Eine wichtige Erkenntnis:
Make-or-Buy ist keine einmalige Entscheidung.
Veränderungen in:
- Technologie
- Volumen
- Markt
- Regulierung
- Kostenstruktur
können eine Neubewertung erforderlich machen.
Best Practice:
- regelmäßige Überprüfung kritischer Make-or-Buy-Entscheidungen
- Integration in Strategie-, Risiko- und Investitionsprozesse
Fazit
Die Make-or-Buy-Entscheidung ist ein zentrales Steuerungsinstrument im Production Management. Sie beeinflusst Kosten, Qualität, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen.
Erfolgreiche Unternehmen:
- betrachten Make-or-Buy ganzheitlich
- berücksichtigen Kosten, Risiken und Know-how
- treffen bewusste, überprüfbare Entscheidungen
- passen ihre Strategie an veränderte Rahmenbedingungen an
Make-or-Buy ist damit kein reines „Kostenproblem“, sondern eine strategische Gestaltungsaufgabe der industriellen Wertschöpfung.
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✅ Make-or-Buy-Checkliste
Eigene Fertigung vs. Fremdvergabe
1. Ausgangslage & Abgrenzung
- ☐ Produkt / Baugruppe / Prozess eindeutig definiert
- ☐ Make-or-Buy-Entscheidung erforderlich (Neu, Änderung, Re-Bewertung)
- ☐ Strategische Bedeutung eingeschätzt
- ☐ Betroffene Bereiche identifiziert (Produktion, Einkauf, Qualität, Entwicklung, Logistik)
2. Strategische Relevanz
- ☐ Bestandteil der Kernkompetenz?
- ☐ Wettbewerbsdifferenzierend?
- ☐ Einfluss auf Produktqualität oder Produktsicherheit?
- ☐ Know-how kritisch für das Unternehmen?
- ☐ Langfristige Bedeutung für den Markt?
3. Technische Machbarkeit (Make)
- ☐ Prozess intern beherrschbar?
- ☐ Benötigte Technologien vorhanden oder beschaffbar?
- ☐ Maschinenkapazität ausreichend?
- ☐ Personal verfügbar und qualifiziert?
- ☐ Qualitätsanforderungen intern sicherstellbar?
4. Lieferantenbewertung (Buy)
- ☐ Geeignete Lieferanten verfügbar?
- ☐ Lieferantenkapazität ausreichend?
- ☐ Qualität und Prozessfähigkeit nachgewiesen?
- ☐ Liefertreue historisch stabil?
- ☐ Technisches Know-how vorhanden?
5. Kostenbetrachtung (Total Cost of Ownership)
- ☐ Investitionskosten (Make) bewertet
- ☐ Fixkosten berücksichtigt
- ☐ Variable Kosten ermittelt
- ☐ Logistik- & Bestandskosten berücksichtigt
- ☐ Qualitätskosten bewertet
- ☐ Koordinations- & Administrationskosten berücksichtigt
- ☐ Vergleich Make vs. Buy über Lebenszyklus
6. Risikoanalyse
- ☐ Lieferausfallrisiko bewertet
- ☐ Abhängigkeit von Single Source bewertet
- ☐ Geopolitische Risiken berücksichtigt
- ☐ Technologierisiken bewertet
- ☐ Kapazitätsrisiken bewertet
- ☐ Notfallstrategien vorhanden
7. Know-how- & IP-Schutz
- ☐ Enthält Prozess sensibles Know-how?
- ☐ Risiko des Know-how-Abflusses bewertet
- ☐ Schutzmaßnahmen definiert (Verträge, Black Boxes)
- ☐ Langfristige Kompetenzsicherung bedacht
- ☐ Auswirkungen auf interne Lernkurve bewertet
8. Flexibilität & Resilienz
- ☐ Volumenschwankungen abbildbar?
- ☐ Reaktionsfähigkeit bei Änderungen ausreichend?
- ☐ Wiederanlaufzeit bei Störungen bekannt?
- ☐ Hybridlösung (Make + Buy) geprüft?
- ☐ Redundanzen vorhanden?
9. Qualität & Compliance
- ☐ Qualitätsanforderungen klar definiert
- ☐ Prüfkonzept vorhanden
- ☐ Auditrechte geregelt
- ☐ Produktsicherheitsanforderungen berücksichtigt
- ☐ ESG- & Nachhaltigkeitsanforderungen geprüft
10. Entscheidung & Dokumentation
- ☐ Entscheidung Make / Buy / Hybrid getroffen
- ☐ Entscheidung begründet dokumentiert
- ☐ Freigabe durch Management erfolgt
- ☐ Risiken und Maßnahmen dokumentiert
- ☐ Review-Termin festgelegt
11. Umsetzung & Monitoring
- ☐ Umsetzungsplan erstellt
- ☐ KPIs definiert (Kosten, Qualität, Liefertreue)
- ☐ Regelmäßige Überprüfung vorgesehen
- ☐ Lessons Learned dokumentiert
- ☐ Re-Make-or-Buy bei Änderungen vorgesehen
Make-or-Buy-Entscheidungen sind keine reinen Kostenentscheidungen. Sie bestimmen, wo Wertschöpfung entsteht, welches Know-how im Unternehmen bleibt und wie resilient ein Produktionssystem aufgestellt ist.
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Make-or-Buy im Kontext von ESG, CSRD & Lieferkettensorgfalt
Die klassische Make-or-Buy-Entscheidung hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Während früher vor allem Kosten, Kapazität und Technik im Fokus standen, spielen heute zunehmend Nachhaltigkeit, Transparenz, Risikomanagement und regulatorische Anforderungen eine zentrale Rolle.
Mit ESG, CSRD und Lieferkettensorgfalt wird Make-or-Buy zu einer Governance- und Verantwortungsthematik entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
1. Warum Make-or-Buy eine ESG-Entscheidung ist
ESG (Environmental, Social, Governance) betrachtet nicht nur die eigene Produktion, sondern die Auswirkungen der gesamten Wertschöpfung.
Eine Make-or-Buy-Entscheidung beeinflusst unmittelbar:
- Umweltwirkungen (Energie, Emissionen, Ressourcen)
- soziale Standards (Arbeitsbedingungen, Arbeitssicherheit)
- Governance-Fragen (Kontrolle, Transparenz, Compliance)
Grundsatz:
Was ausgelagert wird, bleibt trotzdem in der Verantwortung des Unternehmens.
2. Environmental (E) – Umweltwirkungen von Make vs. Buy
Make – eigene Fertigung
- Direkte Kontrolle über Energieverbrauch, Emissionen und Abfälle
- Möglichkeit zur Optimierung durch Lean, TPM, Effizienzmaßnahmen
- Direkte Datenverfügbarkeit für CSRD-Reporting
Risiken:
- Hoher Energieeinsatz
- Investitionsbedarf für Umwelttechnik
Buy – Fremdvergabe
- Umweltwirkungen verlagern sich zum Lieferanten
- Emissionen durch Transport steigen
- Abhängigkeit von Umweltstandards des Lieferanten
ESG-relevante Fragen:
- Welche Energiequellen nutzt der Lieferant?
- Wie hoch ist der CO₂-Fußabdruck der bezogenen Teile?
- Sind Umweltauflagen eingehalten?
➡ CSRD-relevant: Scope-3-Emissionen
3. Social (S) – soziale Verantwortung in der Lieferkette
Make-or-Buy beeinflusst:
- Arbeitsbedingungen
- Arbeitssicherheit
- Qualifikation
- Mitbestimmung
- faire Entlohnung
Make
- Direkter Einfluss auf Arbeitsbedingungen
- Schulung und Qualifizierung intern steuerbar
- Höhere soziale Verantwortung im eigenen Werk
Buy
- Soziale Risiken beim Lieferanten
- Gefahr von:
- schlechten Arbeitsbedingungen
- Sicherheitsmängeln
- Kinder- oder Zwangsarbeit (je nach Region)
➡ Lieferkettensorgfaltspflicht:
Unternehmen müssen soziale Risiken identifizieren, bewerten und minimieren – unabhängig davon, ob die Leistung intern oder extern erbracht wird.
4. Governance (G) – Kontrolle, Transparenz & Compliance
Make-or-Buy hat direkten Einfluss auf Governance-Strukturen:
Make
- Volle Transparenz über Prozesse und Daten
- Klare Verantwortlichkeiten
- Einfache Auditierbarkeit
Buy
- Abhängigkeit von Lieferanteninformationen
- Erhöhter Dokumentations- und Auditaufwand
- Vertragliche Absicherung notwendig
Governance-Fragen:
- Sind Auditrechte vertraglich geregelt?
- Sind ESG-Anforderungen Bestandteil der Lieferverträge?
- Gibt es Eskalationsmechanismen bei Verstößen?
5. CSRD – Reporting-Pflichten als Entscheidungskriterium
Die CSRD verpflichtet Unternehmen zur transparenzpflichtigen Offenlegung von:
- Umweltwirkungen
- sozialen Risiken
- Governance-Strukturen
- Risiken entlang der Wertschöpfungskette
Make-or-Buy im CSRD-Kontext:
- Eigene Fertigung → bessere Datenqualität
- Fremdvergabe → erhöhte Abhängigkeit von Lieferantendaten
- Unvollständige Lieferantendaten = Reporting-Risiko
➡ Make-or-Buy beeinflusst damit direkt:
- Datenverfügbarkeit
- Datenqualität
- Reporting-Aufwand
- Prüfungssicherheit
6. Lieferkettensorgfalt – Verantwortung endet nicht am Werkstor
Unabhängig von nationalen Umsetzungen gilt der Grundsatz:
Unternehmen tragen Verantwortung für menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken entlang ihrer Lieferkette.
Relevante Make-or-Buy-Fragen:
- Ist der Lieferant risikobehaftet (Region, Branche)?
- Gibt es Alternativen?
- Wie hoch ist die Abhängigkeit?
- Welche Präventionsmaßnahmen sind möglich?
Typische Maßnahmen:
- Lieferantenkodex
- Audits & Bewertungen
- Schulungen
- Eskalations- und Abhilfemaßnahmen
7. Make-or-Buy als Risikomanagement-Entscheidung
Make-or-Buy ist heute eng mit:
- Lieferkettenresilienz
- ESG-Risiken
- Reputationsrisiken
- Compliance-Risiken
verknüpft.
Resiliente Entscheidungen berücksichtigen:
- ESG-Risiken gleichrangig zu Kosten
- Abhängigkeiten bewusst steuern
- kritische Wertschöpfung intern absichern
- hybride Modelle nutzen
8. Praxisleitlinien für ESG-konforme Make-or-Buy-Entscheidungen
Bewährt haben sich:
- ESG-Kriterien als festen Bestandteil der Make-or-Buy-Bewertung
- Risiko-Scoring für Lieferanten
- Integration in CSRD-Wesentlichkeitsanalyse
- regelmäßige Neubewertung
- Dokumentation der Entscheidung
Fazit
Make-or-Buy ist heute mehr als eine Kosten- oder Kapazitätsfrage.
Es ist eine strategische ESG-Entscheidung, die Auswirkungen auf:
- Nachhaltigkeit
- Transparenz
- Resilienz
- Reputation
- regulatorische Sicherheit
hat.
Unternehmen, die Make-or-Buy ganzheitlich betrachten, schaffen:
- robuste Wertschöpfung
- bessere ESG-Performance
- höhere Zukunftsfähigkeit